(Re)konstruierte Zerstörung in Dresden. Zwischen Erinnerungskultur und Opferkult

von Vanessa Kleinitz, am 14.10.2019

Abbildung 1 Neubeginn des kulturellen Lebens. Theodor Rosenhauer malt „Blick auf das Japanische Palais nach dem Angriff“ (Foto: Deutsche Fotothek)

Eine Stadt steht in Flammen. Im Verlauf vom 13. bis 15. Februar 1945 bombardieren die Alliierten Dresden. Was bleibt, ist neben Trümmern und zahlreichen Toten ein Streit um Erinnerung und Gedenken.

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Die Luftangriffe auf Dresden vom 13. Februar bis 15. Februar 1945
• 4 Angriffswellen durch die Royal Air Force und die United States Army Air Force
• Abwurf von etwa 2.400 Tonnen Sprengbomben und fast 1.500 Tonnen Brandbomben
• orkanartiger Feuersturm durch großflächige Brände
• nahezu vollständige Zerstörung weiter Teile der zentralen Stadtgebiete
• zwischen 20.000 und 25.000 Tote

Neben PEGIDA ist die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg wohl das, was Dresdens Bewohner*innen am meisten polarisiert. Für Dresden stellen die Luftangriffe eine Zäsur dar, die Stadtgeschichte scheint sich in eine Zeit vor der Zerstörung und in eine Zeit nach der Zerstörung zu teilen. Die Zerstörung selbst stellt noch heute einen wichtigen Teil der Identität von Dresdner*innen dar; im Prozess des kollektiven Erinnerns und Gedenkens überschattet Dresden oft die Erinnerung von Städten, die noch weitaus schwerer getroffen wurden. Diese Überhöhung hat ihren Nährboden in der nationalsozialistischen Propaganda, die bereits am letzten Tag des Angriffs ihren Anfang fand. Symptomatisch für Dresden ist besonders die Inszenierung als unschuldige Kulturstadt, die in einem barbarischen Akt zerstört wurde: Am 15. Februar 1945 spricht das NS-Propagandaministerium von Dresden als nicht nur einem „Juwel Deutschlands, sondern Europas“, das durch einen „Terrorakt“ zerstört wurde. Dies ist einer von zahlreichen Opfermythen, die rund um die Dresdner Luftangriffe entstanden sind und sich oft noch bis heute hartnäckig halten. Insbesondere von konservativen, rechten und rechtsradikalen Strömungen sowie von Geschichtsrevisionist*innen wurden und werden immer noch deutlich erhöhte Opferzahlen (oft im sechsstelligen Bereich), der Einsatz von Phosphorbomben, Tiefflugangriffe auf die Bevölkerung und die Sinnlosigkeit der Angriffe auf die unschuldige Barockstadt lanciert. Doch kann eine Stadt überhaupt (un)schuldig sein? Und warum ist die Stimmung in Dresden so anders als z.B. in anderen, oft schwerer getroffenen Städten wie Hamburg oder Dortmund?


Opfermythen in Dresden
• „unschuldige Kulturhauptstadt“: militärische Sinnlosigkeit der Angriffe und absichtliche Zerstörung von einzigartigen Kulturgütern
• systematische Tieffliegerangriffe auf die Bevölkerung
• „Phosphorregen“: Abwurf von hochgiftigen und leicht entzündlichen Phosphorbomben
• „Das deutsche Hiroshima„: erzählerische Dramatisierung in oft geschichtsrevisionistischen Werken

Die Wunde, die die Bombardierung nicht nur in das Stadtbild, sondern auch in die Bevölkerung geschlagen hat, ist tief. Eine Heilung wird ihr lange verwehrt, zunächst durch NS-Propaganda, dann durch die Erinnerungspolitik der DDR bis in die Gegenwart hinein künstlich offen gehalten. Für lange Zeit schien man Dresdens Rolle in der Gesamtgeschichte des Nationalsozialismus vergessen zu haben: So gab es in Dresden die erste Bücherverbrennung und noch bis Mitte Februar 1945 wurden jüdische Dresdner*innen in Konzentrationslager deportiert. Für Dresden als historischen Ort des Verbrechens interessierte sich jedoch kaum jemand. Selbstviktimisierung und eine Distanzierung vom Nationalsozialismus dominierten die Erinnerungspolitik in der DDR. Ausgehend von einem kirchlichen Umfeld entwickelten sich seit den 1980er Jahren, zunächst vorsichtig, neue Ansätze des Gedenkens und des Erinnerns. Auch jenseits der staatlich geprägten Erinnerungsschichten ist die Zerstörung Dresdens, verkompliziert durch persönliche Trauer und Verlusterfahrung, ein prekäres und auch noch nach Jahrzehnten aktuelles Thema. Gemeinsam mit der staatlichen Erinnerungspraxis fügt sich diese private Erinnerungsschicht zu einem komplexen Gebilde zusammen, das auf oft wackligen Beinen steht. Einen Meilenstein des „neuen“ Gedenkens stellt die Einberufung einer Historikerkommission im Jahr 2004 dar, die strittige Tatsachen wie die Zahl der Opfer oder den Einsatz von Phosphor untersuchen sollte. Als die Kommission 2009 ihre Ergebnisse vorstellt, kommt es zu einem Aufschrei unter manchen Dresdner*innen: statt vermeintlichen sechsstelligen Opferzahlen gab es „nur“ 20.000 bis 25.000 Tote (im Vergleich zu Hamburg mit 34.000 Toten). Damit wurde die seit Jahrzehnten als einzigartig propagierte Zerstörung Dresdens angegriffen; eine Einzigartigkeit, die einen großen Teil der Dresdner Identität auszumachen scheint.

Abbildung 2 Das „Monument“ am Neumarkt stand aufgrund der großen Proteste unter Polizeischutz (Foto: Ove Landgraf)

Man kommt nicht umhin, Dresden eine gewisse Selbstverliebtheit vorzuwerfen. Als 2017 ein syrischer Künstler drei hochkant stehende Busse auf dem Neumarkt installiert („Monument“), um im Rahmen des Gedenkens an Dresdens Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eine Verbindung mit der im Syrischen Bürgerkrieg zerstörten Stadt Aleppo herzustellen, sind die Proteste groß. Es scheint, als ob allein schon der Vergleich mit anderen Orten manche Dresdner*innen beleidigt. Die Intensität der Betroffenheit hinsichtlich der Zerstörung zeigt sich nicht nur im Vergleich mit der Zerstörung anderer Städte, sondern auch im Vergleich der Erinnerungs- und Gedenkpolitik, die die jeweiligen Städte praktizieren. Während die Zerstörung Dresdens ein bundesweit bekanntes Ereignis ist, haben die meisten Menschen noch nie etwas von der Stadt Düren gehört, die im Zweiten Weltkrieg zu 99,8% zerstört wurde: lediglich 13 der 6431 Häusern überstanden die Angriffe – ein unglaubliche Zerstörung, die großen Teilen der Bevölkerung vollkommen unbekannt ist.

Der Kampf um das „richtige“ Erinnern und das „richtige“ Gedenken wird noch heute in Dresden geführt, ein Kampf der Deutung von Täter*innen als Opfer und von Opfern als Täter*innen, geführt sowohl auf öffentlicher als auch privater Ebene. Von der Zerstörung selbst sieht man heute in Dresden nichts mehr. Denn Dresden gab und gibt nicht auf, den Ruf als Kulturhauptstadt wiederzuerlangen: noch in den Trümmern beginnt das kulturelle Leben von Neuem (s. Abb. 1); die berühmten Stätten der „Elbflorenz“ wie z.B. die Frauenkirche werden sorgfältig wiederaufgebaut (auch wenn es einige Jahrzehnte dauerte). Von den Bomben Zerstörtes wird rekonstruiert. Zerstörung wird jedoch weiterhin konstruiert: durch die Aufrechterhaltung von Opfermythen und deren Instrumentalisierung. Erst zum diesjährigen 74. Jahrestag der Bombardierung am 15.02.2019 haben sich rund 1000 Neonazis versammelt, um mit der Behauptung falscher Tatsachen und geschichtsrevisionistischer Aussagen den Opferkult, der vor allem in der rechten Szene rund um die Bombardierung herrscht, zu schüren und in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Agitation von Rechts ist ein zentrales Thema in Dresden, so kam man im Verlauf der Exkursion immer wieder mit verschiedensten Akteur*innen auf dieses Thema zu sprechen, ohne dass dies direkt beabsichtigt war.

Sucht man in Dresden jenseits der medialen oder politischen Rezeption Formen des Gedenkens und Erinnerns an die Ereignisse des Februar 1945, so wird man vielleicht, besonders angesichts der Polarisierung und starken Emotionalisierung innerhalb der Dresdner Bevölkerung, von der fast schon unscheinbaren, unaufdringlichen Art und Weise überrascht sein: So befindet sich auf dem Altmarkt eine in die Fugen des Kopfsteinpflasters eingelassene Inschrift, an jener Stelle, an der die Leichen der Opfer der Angriffe verbrannt wurden:

Nach den Luftangriffen vom 13. bis 14. Februar 1945 auf Dresden wurden an diesem Ort die Leichen von 6865 Menschen verbrannt.

Das geschmolzene, in den Fugen verlaufene Metall wirkt in der Tat zunächst sehr unscheinbar, so könnte man die Spiegelung der Sonne auf dem Metall auf den ersten Blick und von einer gewissen Entfernung aus auch für eine Wasserpfütze halten. Tatsächlich steht das zerronnene Metall jedoch stellvertretend für die Hitze, die die durch Brandbomben entstandenen Großflächenbrände verursachten, so heiß, dass selbst Metall zu schmelzen begann.

In unmittelbarer Nähe dazu befindet sich ein weiteres Denkmal, das je nach Lichtverhältnis und Witterung ebenfalls leicht zu übersehen ist. Unscheinbar in eine Mauer des Eingangs zur Altmarkt-Tiefgarage gehauen steht hier:

Dies ist ein Ort der Mahnung, des Erinnerns und Gedenkens. Hier wurden die Leichname tausender Opfer der Luftangriffe des 13. und 14. Februar 1945 verbrannt. Damals kehrte der Schrecken des Krieges, von Deutschland aus in alle Welt getragen, auch in unsere Stadt zurück.

Entstanden ist die kleine Gedenkstätte im Zuge der Neugestaltung und des Baus der Tiefgarage 2007 bis 2008. Damit ist die Gedenkstätte vergleichsweise jung, jedoch muss erwähnt werden, dass bis zum Wiederaufbau von 1996 bis 2005 die Ruinen der Frauenkirche den zentralen Ort der Erinnerung und des Gedenkens darstellten. Während die Ruinen eine starke Symbolhaftigkeit hatten, die bestimmte Opfernarrative sicherlich unterstützte und bekräftigte, scheint diese Gedenkstätte eher ein Versuch zu sein, die Ereignisse auf neutrale und auch durchaus reflektierende Art und Weise zu gedenken. Besonders die Tiefgaragen-Inschrift zeigt die Opfer- und Täterrolle Dresdens bzw. Deutschlands auf, ohne einer von beiden den Vorrang zu geben. Warum für diesen „Ort der Mahnung, des Erinnerns und Gedenkens“ jedoch der Eingang einer Tiefgarage ausgewählt wurde, bleibt zunächst fraglich. Neben den Denkmälern am Neumarkt wird die Bombardierung sowohl im Stadtmuseum als auch im Militärhistorischen Museum aufgearbeitet. Und doch scheinen diese Erinnerungsorte vielen Menschen nicht zu reichen. Braucht Dresden einen angemesseneren und/oder dezidierteren Erinnerungsort, vielleicht sogar in Form eines Bombenkriegsmuseums? Doch würde dies nicht förmlich zu einem Opferkult einladen? Schließlich gilt es doch für Dresden, den Spagat zwischen einer angemessenen Erinnerung an die Opfer und einer Erinnerung ohne die Erhöhung und Propagierung von Opfermythen zu schlagen. Und vielleicht ist da genau diese Banalität der Kompromiss, den Dresdens Erinnerungspraxis braucht: eine mit einer Wasserpfütze zu verwechselnde Metallinschrift und ein Schriftzug auf einem Tiefgarageneingang.

Wie sich das Erinnern und Gedenken in und an Dresden weiterentwickeln wird, bleibt abzuwarten, der Kampf um das „richtige“ Erinnern ist jedenfalls noch nicht vorbei und wird von verschiedensten Akteur*innen weitergeführt. Ist man in Dresden, wird man die Zerstörung vielleicht nicht sehen können, spüren kann man sie jedoch noch gewiss.

Abbildungsnachweise:

Header: „005.Дрезден 1945-2014 Церковь Фрауэнкирхе Frauenkirche.
Восстановление церкви Фрауэнкирхе (церковь Богородицы), являющейся символом Дрездена, завершилось лишь  в 2005 году. Словно пазл, возвратились на свое место старые закопченые камни, которые теперь соседствуют со светлыми камнями, установленными взамен утраченных“, Fotocollage von Sergey Larenkov.

Abbildung 1: „Neubeginn des kulturellen Lebens. Theodor Rosenhauer malt „Blick auf das Japanische Palais nach dem Angriff“, Deutsche Fotothek.

Abbildung 2: „Ein Anschlag auf die Busse würde Dresdens Image schaden. Deshalb Polizeischutz!“, Ove Landgraf.

Abbildung 3: privat.

Abbildung 4: privat.

Abbildung 5: „After the bombardment on Dresden of 13 and 14 February 1945, the Altmarkt was one of the two locations where bodies of casualties were burned on large pyres. On this location, 6865 bodies were burned.“, Fedor de Vries.

Verwendete und weiterführende Literatur und Quellen:

Abschlussbericht der Dresdner Historikerkommission, 17. März 2010, unter: https://www.dresden.de/media/pdf/stadtarchiv/Historikerkommission_Dresden1945_Abschlussbericht_V1_14a.pdf (letzter Aufruf: 09.10.2019).

Fache, Thomas: Gegenwartsbewältigungen. Dresdens Gedenken an die alliierten Luftangriffe vor und nach 1989, in: Arnold, Jörg: Luftkrieg. Erinnerung in Deutschland und Europa (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 10), Göttingen 2009, S. 221-238.

Flug über das zerstörte Düren. Stumme Aufnahme, März 1945. Audiokommentar und nachträglich eingefügtes Hintergrundrauschen entfernt, Ausschnitt aus: „Welche Farbe hat der Krieg?“, Spiegel TV, 2000. Teil 1 00:22 bis 01:14, unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:SFP_186_-_Flug_ueber_Dueren.webm (letzter Aufruf: 09.10.2019).

Gundermann, Christine: Remembering in Dresden 2017. Erinnern in Dresden 2017, in: Public History Weekly, 27. April 2017, unter: https://public-history-weekly.degruyter.com/5-2017-16/remembering-in-dresden-2017/ (letzter Aufruf: 09.10.2019).

Rietzschel, Antonie: Bombardierung von Dresden. „Der Mythos entstand noch in den rauchenden Trümmern.“, in: Süddeutsche Zeitung, 12. Februar 2015, unter: https://www.sueddeutsche.de/politik/70-jahre-bombardierung-von-dresden-der-mythos-entstand-noch-in-den-rauchenden-truemmern-1.2347466 (letzter Aufruf: 09.10.2019).

Schnatz, Helmut: Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln 2000.

Süß, Dietmar: Erinnerung an den Luftkrieg in Deutschland und Großbritannien, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 29. April 2005, unter: http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39584/erinnerungen-an-den-luftkrieg?p=all (letzter Aufruf: 09.10.2019).

Süß, Dietmar: Dresden. Bomben aufs Abendland, in: Die Zeit, Nr. 7/2015, 12. Februar 2015, unter: https://www.zeit.de/2015/07/dresden-zerstoerung-ns-70-jahre (letzter Aufruf: 09.10.2019).

Ueberschär, Gerd R.: Dresden 1945, in ders.: Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 37-48.

Multimedia-Reportage des MDR, unter: https://reportage.mdr.de/mythos-dresden-bombennacht#776 (letzter Aufruf: 09.10.2019).