Inszenierte Authentizität an Orten des Verbrechens

von Julia Greim, am 15.10.2019

Bei einem kleinen Kiosk mit grünen Fensterläden beginnt die Spur in Flossenbürg. Er befindet sich im ehemaligen Wachhaus am Eingang zum Lager, 500 Meter weiter die offizielle KZ-Gedenkstätte.

Abb. 1: Lageplan der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg


Der erste Eindruck ist unerwartet unspektakulär, sogar einladend. Graue flache Stufen führen zur Linken einen grasbewachsenen Hügel zum Bildungszentrum hinauf, auf der Dachterrasse darüber flattern Sonnensegel im Wind. Dass es sich bei dem Gebäude um das ehemalige SS-Casino handelt, fällt nicht auf. Daneben reihen sich kleine Häuser einer Wohnsiedlung am Hang, darunter große Grünflächen, nur unterbrochen von weißen flachen Steinmarkierungen – hier standen die SS-Unterkünfte und die Häftlingsbaracken des KZ Flossenbürg.

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Das KZ Flossenbürg

• gegründet im Mai 1938 zum Abbau der Granitvorkommen im nahegelegenen Steinbruch
• dem Stammlager waren ab 1942 über 80 Außenlager zugeordnet
• zwischen 1938 und 1945 befanden sich etwa 100.000 Menschen aus 47 Nationen im KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern
• am 23. April 1945 wurde das Lager von der US-Armee befreit
• von Juni/Juli 1945 bis März 1946 diente das Lager als amerikanisches Kriegsgefangenenlager für SS-Angehörige
• von April 1946 bis Oktober 1947 wurde das Lager durch die UNRRA für polnische Displaced Persons genutzt

Wer den Ort zum ersten Mal besucht, reagiert verwirrt bis enttäuscht: Ein ehemaliges Konzentrationslager sieht anders aus! Fehlende Backsteinbaracken und Zäune, dafür grüne Wiesen, Wohnhäuser und ein Café. Es herrscht eine ungewöhnliche Atmosphäre für eine Einrichtung, die sich doch im Gedenken der Stätte des Verbrechens widmet, dabei aber so gar nicht der Erwartungshaltung entspricht. Spätestens jetzt wird das Totschlagargument der Museumsarbeit herausgekramt – „unauthentisch“. Die Tragweite der Verbrechen will gespürt werden, die Aura des Ortes soll uns bestürzen, oder nicht? Aber warum haben materiell erhaltene Strukturen und bauliche Überreste auf so viele Personen eine derart emotionalisierende Wirkung? Als könnte die Präsenz einer „originalen“ Ziegelmauer per se Zugang zum historischen Ereignis bieten. Und wer beim Anblick des Verbrennungsofens im Krematorium nicht tief bestürzt eine Träne verdrückt oder zumindest den spontanen Drang verspürt, Adorno zu zitieren, hat wohl nicht verstanden wie grausam Konzentrationslager waren. Vielleicht fehlt in Flossenbürg durch die anfänglich empfundene „künstliche” Leere das Gefühl der Schwere am Ort des Verbrechens. Aber wo spürt man das Verbrechen? Oder anders gefragt: Wo ist Flossenbürg „authentisch“?

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Authentizität

• Allgemeine Bedeutung:
Echtheit im Sinne von als Original befunden

• Sinnverwandte Wörter:
Echtheit, Glaubwürdigkeit, Unverfälschtheit, Zuverlässigkeit, Unmittelbarkeit

Wissenschaftlicher Diskurs zur Authentizität der Gedenkstättenarbeit: Sichtbarkeit und Inszenierung des Originalzustandes materieller Überreste als sinnliche Vermittlungsebene der ortsbezogenen Erinnerungsarbeit

Abb. 2: „Tal des Todes“


Sofort kommt der bereits 1946 errichtete Gedenkweg „Tal des Todes“ in den Sinn, der Name selbst hat bereits eine ernüchternde Wirkung. Die Senke liegt süd-östlich hinter Bäumen versteckt, außerhalb der früheren Lagergrenzen. Links und rechts die Treppenstufen hinunter befinden sich bereits Gedenktafeln, Mahnmale und Plaketten. Im Zentrum des Tals ragt die „Aschepyramide“ in die Höhe, davor befindet sich der „Platz der Nationen“. Auf diesem begegnet man 18 Steinplatten, die wie Grabsteine inszeniert in zwei Reihen auf beiden Seiten der Wiese liegen. Sie tragen die jeweiligen Nationalflaggen und Zahlen der Todesopfer als Inschrift. Und am Ende des Tals schließlich das Krematorium. Die Wucht der brutalen Ausmaße von Vernichtung und Tod werden unmittelbar deutlich. Die Menge an kollektiven und individualisierten Widmungen im gesamten Gebiet zeigt die Anteilnahme und Trauer der Überlebenden, Angehörigen und verfolgten Gruppen. Ist das authentisch? Es ist mit Sicherheit emotional.

Abb. 3: Litauischer Gedenkstein


Aber auch asymmetrisch und unvollständig. Durch den katholischen Einfluss, oder vielmehr die Vereinnahmung der Gedenkanlage in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende, wurde das „Tal des Todes“ als christlicher Kreuzweg angelegt. Einige der Inschriften können und sollten nicht ohne ihre politische Färbung gelesen werden. Die Todesopfer werden als Märtyrer der Heimatliebe und/oder politischen Gesinnung gefeiert. Wer in dieser „Opferkonkurrenz“ nicht untergehen möchte, fügt der Inschrift den aktuellen Status der Verfolgung oder Verbannung hinzu. Oder baut ein zweites Denkmal. Gleichzeitig existiert für diejenigen, die aufgrund ihrer Homosexualität verfolgt und in Flossenbürg umgebracht wurden, bis heute keine eigene Gedenktafel. Das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma gibt es seit 2016. Und tatsächlich wurde erst im Jahr 1995, und nach Kritik der Israelitischen Kultusgemeinde Bayerns, ein Gedenk- und Gebetshaus für die jüdischen Todesopfer errichtet.

An so einem Ort hängen bauliche Strukturen wie das Krematorium in wirren Überlagerungen aus Gedenken, politischer Instrumentalisierung und historischer Aufarbeitung. Also eben doch „authentische“ Zeugnisse, aber nicht nur für den Ort des Verbrechens selbst, sondern für den Umgang mit dem Ort. Und Verbrechen ist auch nicht beschränkt auf die massenhaften Erschießungen und Verbrennungen. Der „Standortfaktor“ war, oder vielmehr ist, der immer noch betriebene Steinbruch.

Abb. 4: Informationstafel vor dem aktiven Steinbruch

Vor dieser Kulisse, in der die Gefangenen vor über 70 Jahren händisch den gelben und blauen Granit abbauen mussten, steht eine Informationstafel. Auf einem Foto am oberen Rand ist genau so eine Szene zu sehen, eine Art Zeitfenster zur „Vernichtung durch Arbeit“. Authentisch genug, um ein Gefühl für das Verbrechen zu bekommen? Möglicherweise, aber aus der entgegengesetzten Richtung. Ein Mann im Vordergrund lächelt mit leicht abgewandtem Gesicht, weitere stehen in entspannter Haltung dahinter. Das Foto ist gestellt, aufgenommen 1942 von der SS, um die effiziente Verwertung der Arbeitskräfte zu präsentieren. Es ist eine Inszenierung, aber dadurch wird es nicht zwangsläufig weniger authentisch. Können auch (Re-)konstruktionen ein Gefühl für den Ort vermitteln? So wie die Ausstellung „was bleibt – Nachwirkungen des Konzentrationslagers Flossenbürg“. Sie befindet sich seit 2010 im Gebäude der ehemaligen Lagerküche und beschäftigt sich mit Orten, Überlebenden, Tätern und Erinnerungen ab 1945. Alles daran ist konstruiert, inszeniert, neu: das umgebaute und renovierte Gebäude sowie die schwarzen und schlichten Ausstellungsvitrinen.

Abb. 5: Medienwand mit Zeitleiste

Sie enthalten Koffer, Bücher, Besteck, Häftlingskarteien, Fotos, Kleidung, Fahnen und vieles mehr. Die mittig darüber angebrachten „Hör-Glocken“ aus Plastik spielen automatisch Audiosequenzen ab. An der Wand befinden sich Monitore und Jahreszahlen, eine Rekonstruktion der Ereignisse nach 1945. In dieser „künstlichen“ Umgebung entsteht eine intensive, emotionale Verbindung. Die Nachnutzung des Lagers, die Lebensgeschichten von Überlebenden oder die Verurteilung der KZ-Wachmannschaft können nicht allein durch Idealisierung und Überhöhung einer konkreten „authentischen“ Materialität vermittelt werden. Denn die zielt, vielleicht einmal abgesehen von der wissenschaftlichen Bearbeitung, allein auf emotionale Reaktionen ab. Emotionen reichen als Trägermedium jedoch nicht aus, Schock und Mitgefühl sind nur unzureichende Hebel der Geschichtsvermittlung. Sie funktionieren nur, wenn wir mit den Opfern fühlen, wenn wir ihr Leid als solches wahrnehmen. Wem Leidfähigkeit zugestanden wird, hängt jedoch fundamental vom Sozialisierungshintergrund der Rezipient*innen ab. Wenn Geschichtsvermittlung von Gewaltverbrechen nur aufgrund der subjektiven Anerkennung der Opfer als Opfer funktioniert, weil der „authentische” Ort des Leidens genug schockiert, dann hat die Gedenk-und Erinnerungsarbeit ein Problem. Es existieren zahlreiche Orte des Verbrechens, deren materielle Spuren und Überreste nahezu vollständig verschwunden sind oder zerstört wurden. Auch viele ehemalige Außenlager Flossenbürgs zählen dazu. Wie diese Orte heute aussehen hat der Fotograf Rainer Viertelböck dokumentiert. Von Juli bis Oktober 2019 wurden seine Fotografien im ehemaligen DESt-Gebäude des KZ-Steinbruchs in der Ausstellung „Strukturen der Vernichtung“ gezeigt.

Abb. 6: Ausstellung „Strukturen der Vernichtung“; Außenlager Pottenstein (links) und Dresden (rechts)

Authentizität, Rekonstruktion und Inszenierung sind keine Gegensätze, sondern verschiedene Dimensionen der Erinnerungsarbeit. Daraus entsteht ein neuer Blick auf Gedenkstätten: der Umgang mit dem Umgang mit dem Ort des Verbrechens. Die Perspektive des Fotos stellt diesen Umgang auf einer Metaebene exemplarisch dar. Ein solcher Ort braucht die Erinnerung, aber Erinnerung braucht nicht zwangsläufig einen konkreten Ort.

Abbildungsverzeichnis:

Header: Ausstellung „Strukturen der Vernichtung“ im ehemaligen DESt-Gebäude auf dem Areal des früheren KZ-Steinbruchs in Flossenbürg; DIE AUSSENLAGER DES KZ FLOSSENBÜRG HEUTE. Fotografien von Rainer Viertlböck; Foto: Christine Junglas; KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, unter: https://www.uni-regensburg.de/pressearchiv/pressemitteilung/999739.html (letzter Aufruf: 03.11.2019).

Abb. 1: Lageplan der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, unter: https://www.gedenkstaetteflossenbuerg.de/besucherinformation/lageplan/ (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Abb. 2: „Tal des Todes“ (Foto: Cherin Nabo, 1.7.2019).

Abb. 3: Litauischer Gedenkstein im „Tal des Todes“ (Foto: Maria-Protima Hiltl, 1.7.2019).

Abb. 4: Informationstafel vor dem aktiven Steinbruch (Foto: Vanessa Kleinitz, 1.7.2019).

Abb. 5: Ausstellung „was bleibt – Nachwirkungen des Konzentrationslagers Flossenbürg“; Ausstellungsvitrinen und Medienwand mit Zeitleiste (Foto: Maria-Protima Hiltl, 1.7.2019 ).

Abb. 6: Ausstellung „Strukturen der Vernichtung“ im ehemaligen DESt-Gebäude auf dem Areal des früheren KZ-Steinbruchs in Flossenbürg; DIE AUSSENLAGER DES KZ FLOSSENBÜRG HEUTE. Fotografien von Rainer Viertlböck; Foto: Christine Junglas; KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, unter: https://www.uni-regensburg.de/pressearchiv/pressemitteilung/999739.html (letzter Aufruf: 03.11.2019).

Verwendete und weiterführende Literatur und Quellen:

Anton, Martin: Gedenken an Völkermord in Flossenbürg, in: Mittelbayerische Zeitung, 17. April 2016, unter: https://www.mittelbayerische.de/bayern/oberpfalz-nachrichten/gedenken-an-voelkermord-in-flossenbuerg-21684-art1367815.html (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Härle, Gerhard: Authentizität gibt es nicht – aber sie kann sich ereignen. Ungekürzte Fassung 2014, unter: http://www.ph-heidelberg.de/haerle/downloadbereich (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Hoffmann, Detlef: Authentische Orte, Zur Konjunktur eines problematischen Begriffs in der Gedenkstättenarbeit, in: Gedenkstättenforum, Gedenkstättenrundbrief 110, 1. Dezember 2002, S. 3-17 gekürzte und veränderte Form des Aufsatzes: Authentische Erinnerungsorte. Von der Sehnsucht nach Einheit und Erlebnis, in: Hans-Rudolf Meier, Marion Wohlleben (Hg.): Bauten und Orte als Träger von Erinnerung. Die Erinnerungsdebatte und die Denkmalpflege, Zürich 2000, S.31–46, unter: https://www.gedenkstaettenforum.de/uploads/media/GedRund110_3-17.pdf (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Hoffmann, Detlef: Zeitgeschichte aus Spuren ermitteln. Ein Plädoyer für ein Denken vom Objekt aus, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007), H. 1-2, unter: https://zeithistorische-forschungen.de/1-2-2007/4529 (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Korff, Gottfried: Vom Verlangen, Bedeutungen zu sehen, in: Borsdorf, Ulrich / Grütter, Heinrich Theodor / Rüsen, Jörn (Hrsg.): Die Aneignung der Vergangenheit, Musealisierung und Geschichte, Reihe: Zeit – Sinn – Kultur, 2005, S. 81-104.

Muggenthaler, Thomas: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: Granit-Steinbruch integrieren? in: Bayerischer Rundfunk, 25.03.2018, unter: https://www.br.de/nachrichten/kultur/80-jahre-kz-flossenbuerg-granit-steinbruch-integrieren,QnJ3JA9 (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Oertle, Jenny: Das KZ Flossenbürg, in: Deutsches Historisches Museum Berlin, 15. Mai 2015, unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord/kz-flossenbuerg.html (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Rüschendorf, Raphael: Tagungsbericht, Authentizität als Kapital historischer Orte, 01.03.2017 – 03.03.2017 Dachau, in: H-Soz-Kult, 04.04.2017, unter: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7097 (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Saupe, Achim: Historische Authentizität: Individuen und Gesellschaften auf der Suche nach dem Selbst – ein Forschungsbericht, in: H-Soz-Kult, 15.08.2017, unter: https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2444 (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Seidenspinner, Wolfgang: «Authentizität. Kulturanthropologisch-erinnerungskundliche Annäherungen an ein zentrales Wissenschaftskonzept im Blick auf das Weltkulturerbe», in: kunsttexte.de, Nr. 4, 2007 (20 Seiten), unter: http://www.kunsttexte.de https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/7734/seidenspinner.pdf (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Skriebeleit, Jörg: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, unter: https://www.gedenkstaette-flossenbuerg.de (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Uhl, Heidemarie: Orte und Lebenszeugnisse. „Authentizität“ als Schlüsselkonzept in der Vermittlung der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, in: Rössner, Michael / Uhl, Heidemarie (Hrsg.), Renaissance der Authentizität? Über die neue Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, Bielefeld 2014, S. 257–284.

Umbach, Maike: Der diskrete Charm der Authentizität, in: Geschichte der Gegenwart, 31. Januar 2018, unter: https://geschichtedergegenwart.ch/der-diskrete-charme-der-authentizitaet/ (letzter Aufruf: 15.10.2019).