Eine Chronologie des Krieges? – Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden

Robin von Taeuffenbach, 15.10.19

In modernem Gewand präsentiert die Bundeswehr die Geschichte von Militär, Krieg und Gewalt im Militärhistorischen Museum in Dresden. Chronologisch durch die Epochen, gespickt mit thematischen Schwerpunkten werden BesucherInnen durch die Ausstellung geführt – diese erreicht ihre gesteckten Ziele aber nur zum Teil.

Unser erster Tag in Dresden führt uns am Vormittag in das Militärhistorische Museum der Bundeswehr. Hier versucht man, alt und neu im architektonischen wie auch im didaktischen Sinn zu verknüpfen. Die ersten beiden Stockwerke des Gebäudes aus dem späten 19. Jahrhundert enthalten die großen Abschnitte der Ausstellung, die in „1300 – 1914“, „1914 – 1945“ und „1945 – heute“ eingeteilt sind. Der Teil des Bauwerks, der 2011 durch den Architekten Daniel Libeskind fertiggestellt wurde, wirkt wie ein Keil oder eine Pfeilspitze, die in den Rest des Gebäudes hineingetrieben wurde. Er ist, so wie viele Dresdner Gebäude, Teil einer kontroversen öffentlichen Diskussion um den Umgang mit historischer und moderner Architektur. Bewusst provozierend und mit der Optik eines staatstragenden, klassizistischen Baus brechend, soll der moderne Teil auch sinnbildlich für das neue Ausstellungskonzept gelten. Denn dort in der „Pfeilspitze“ befinden sich die sogenannten Themenparcours, die einzelne Schwerpunkte in Verbindung mit dem Komplex „Militär“ darstellen – etwa „Militär und Mode“ oder auch „Militär und Tiere“. Soll Geschichte nun also vorrangig nach zeitlichen Abläufen, in der klassischen periodisierten Reihenfolge betrachtet werden, oder erweist sich ein thematisch orientierter „Längsschnitt“ manchmal als sinnvoller? Diese Frage ist nicht nur für die Geschichtswissenschaften selbst, sondern vor allem auch für die Didaktik im Schulunterricht oder die Vermittlung in Museen entscheidend. Das Militärhistorische Museum bedient sich beider Möglichkeiten, stellt sie aber letztlich nur nebeneinander, denn inhaltlich sind die chronologischen Ausstellungsteile kaum mit den Themenparcours verbunden.

Provokant und ignorant sagen die einen, anregend und genial die anderen.

Über Libeskinds Bau aus dem Artikel „Keil der Wahrheit“ des Tagesspiegels vom 12.10.11.

Dass das 20. Jahrhundert in der Ausstellung eine wesentliche Rolle spielt, ist beinahe selbsterklärend. Im Erdgeschoss geht es jedoch zunächst chronologisch mit dem Abschnitt „1300 – 1914“ los. Hier zeigt sich schnell, dass wir es nicht mit dem eigentlichen Fokus des Museums zu tun haben und es daher wesentlich an Substanz fehlt. Man bewegt sich von einer Vitrine zur nächsten und springt binnen Minuten vom Mittelalter über die frühe Neuzeit zu Napoleon. Vermutlich auch, weil es an ausreichend geeigneten Exponaten fehlt, gestaltet sich dieser Abschnitt sehr kurz. Er wirkt unzusammenhängend und die begleitenden Texte vermitteln wenig substanzielles Wissen. Trotz aller entscheidender Wichtigkeit der anderen beiden Sektionen genügt eine knappe Reihe Vitrinen nicht, um sechshundert Jahren Geschichte gerecht zu werden. Die Chance, die Bedeutung der vorausgehenden Jahrhunderte für die moderne Militärgeschichte darzustellen, den BesucherInnen Abläufe und Zusammenhänge über große Zeiträume näher zu bringen, hätte genutzt werden können – oder man hätte sich lieber ganz auf die Kernkompetenzen konzentrieren sollen.

Der Übersichtsplan des Ausstellungsführers verdeutlicht die raschen Sprünge zwischen den Jahrhunderten, die im ersten chronologischen Abschnitt unternommen werden. Scan aus:
Pieken, Gorch / Rogg, Matthias (Hrsg.): Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr. Ausstellungsführer, Dresden 2011, S. 194.

Im ersten Stock beginnt jener Teil, der die Jahre 1914 bis 1945 einschließt und damit ganz bewusst exakt die beiden Weltkriege zum Gegenstand hat. Nicht nur über politische Hintergründe, Fakten und Zahlen, sondern insbesondere auch über persönliche Schicksale und entsprechende Ausstellungsstücke werden Gewalt, Tod und Völkermord auf eine emotionale Ebene gebracht. Auch für Dresden bedeutsame Ereignisse wie die Bombardierung im Februar 1945 finden hier einen Platz. Die wichtigsten Zusammenhänge und Ursachen der Kriege und die Zwischenkriegszeit werden dargestellt, ohne dabei zu komplex oder theoretisch zu werden – es wird klar, dass die Zugänglichkeit zum Thema ein großes Anliegen ist. Hier zeigt die Ausstellung, was sie zu bieten hat und natürlich auch das, was man von einem Militärmuseum im 21. Jahrhundert erwarten würde.
Waren sie im Erdgeschoss noch separat angelegt, sind die Themenparcours hier nun direkt über den neuen Libeskind-Gebäudeteil in den Rest der Ausstellung integriert – tatsächlich ist im ersten Moment nicht immer ganz klar, wo ein Teil beginnt und der andere aufhört. Nicht zuletzt ist auch die häufige Kürze dieser Installationen der Grund dafür. So findet man unter dem Titel „Mode und Militär“ beispielsweise nebeneinander in einer Vitrine einen Kürass aus dem 16. Jahrhundert, Uniformen des 19. Jahrhunderts und anschließend Exponate aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese werden zwar jeweils für sich kurz beschrieben und erläutert, in welchem Zusammenhang sie miteinander stehen oder weshalb man sie hier in dieser Form ausstellt, bleibt jedoch unbeantwortet.

Der Ausstellungsteil „Mode und Militär“, Foto: Maria-Protima Hiltl, 02.07.19.

Etwas umfangreicher und imposanter kommt da der Bereich „Tiere beim Militär“ daher – in einem offenen Areal ist ein ganze Parade an unterschiedlichen, präparierten Tieren zu sehen. An Bildschirmen können sich die MuseumsbesucherInnen Abbildungen und kurze Texte zu den jeweiligen Tieren und deren Einsatz in militärischen Kontexten ansehen. Die Beispiele reichen von Maultieren, die von der Bundeswehr im Kosovo als Lastentiere genutzt wurden, bis hin zu den karthagischen und indischen Kriegselefanten der Antike. Zwar fehlt auch hier eine klar erkennbare Linie, die Inhalte wollen jedoch allein schon deshalb gefallen, weil sie neu und unverbraucht sind. Es ist ein Thema, das andernorts kaum präsent ist. Bedauerlicherweise laufen die Texte und Bilder auf den Bildschirmen automatisch ab. Man kann sie also nicht selbst bedienen und etwas auswählen – weshalb mitunter gewartet werden muss, bis der Teil auftaucht, den man gerne lesen möchte.

Das Militärhistorische Museum sieht sich mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Gerade die aktuellste Sektion „1945 – heute“ kommt um einen Blick auf das 21. Jahrhundert nicht herum, und schon eine bestimmte Formulierung von Texten kann für die Bundeswehr, die dieses Museum betreibt, als politische Stellungnahme verstanden werden. Der Wunsch, die klassische Ausstellung zu überarbeiten, ihr architektonisch und museologisch neues Leben einzuhauchen, ist nachvollziehbar und richtig. Es ist besonders entscheidend, solche nicht nur historisch, sondern gegenwärtig brisanten und relevanten Themen wie Krieg und Gewalt zugänglich und mit dem nötigen Feingefühl aufbereitet darzustellen. Mehr als andere Museen findet hier trotz allen Bemühungen um ein geschlossenes Bild das Ringen um die Deutungshoheit zwischen Wissenschaft, Bundeswehr und politischer sowie gesellschaftlicher Öffentlichkeit statt, wie es zuletzt die Sonderausstellung „Gewalt und Geschlecht. Männlicher Krieg, weiblicher Frieden?“ zeigte. Das Konzept der Dauerausstellung verdeutlicht in jedem Fall in vielerlei Hinsicht, wie schwierig die Gratwanderung zwischen alt und neu bei der Vermittlung von Geschichte sein kann. Sollte man jene Teile, über die man nicht genügend sagen oder zeigen kann, auslassen? Wie viel Raum verdienen unterschiedliche Epochen in einem großen Museum generell? Welche aktuellen politischen Debatten sollen Einzug in die Ausstellung halten? Wie sehr kann und darf ein Objekt für sich alleine sprechen, wie viel Kontextualisierung braucht es, damit auch Laien einen Zugang finden? Solche Fragen sind für die Gestaltung von Ausstellungen essentiell. Auch in Dresden wird man sie immer wieder aufs Neue erörtern müssen, um sich nicht im Bestreben zur Modernisierung um ihrer selbst willen zu verlieren.


Das Gebäude am Dresdner Olbrichtplatz diente im Lauf seiner Geschichte unterschiedlichen Zwecken. Nachdem es im späten 19. Jahrhundert als Arsenalhauptgebäude und Depot der Königlich-Sächsischen Armee genutzt wurde, machte man es zunächst zum Königlich-Sächsischen Armeemuseum, nach dem Ersten Weltkrieg zum Sächsischen Armeemuseum. Teile der Einrichtung wurden an Unternehmen vermietet, 1938 wurde es zum Heeresmuseum (ab 1942 „Armeemuseum“) der Wehrmacht. Nach dem Kriegsende überführte die Rote Armee große Teile des Bestandes in die Sowjetunion. 1961 wurde es als Armeemuseum der DDR eingerichtet, das sich auf die Geschichte der NVA konzentrierte und ein Narrativ rund um Klassenkampf und den Ost-West-Konflikt schrieb. Mit der Wiedervereinigung sollte das Dresdner Museum das zentrale Museum der Bundeswehr werden – während Elemente der alten Ausstellung noch bis in die frühen 2000er-Jahre bestehen blieben, wurde das Museum mit einem neuem Konzept und der architektonischen Arbeit von Daniel Libeskind im Jahr 2011 neu eröffnet. Die Vergangenheit des Museums, das in mehreren Phasen seiner Geschichte für die Repräsentation politischer Ideologien, zuletzt der des DDR-Regimes, benutzt wurde, wird heute in der Ausstellung selbst reflektiert.

Mehr zum historischen Hintergrund des Museums:
Gorch, Pieken: Neueröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden (Sächsische Heimatblätter, Nr. 57), Dresden 2011.

Literatur und verwendete Artikel

  • Flügel, Katharina: Einführung in die Museologie, 2. überarb. Aufl., Darmstadt 2009.
  • Jaeger, Falk: Keil der Wahrheit, in: Tagesspiegel, 12. Oktober 2011, unter: https://www.tagesspiegel.de/kultur/keil-der-wahrheit/4747822.html (letzter Aufruf: 23.10.2019).
  • Lippmann, Harry: Militärmuseen in Deutschland, 10. bearb. u. erw. Aufl., Köln 2015.
  • Pieken, Gorch / Rogg, Matthias (Hrsg.): Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr. Ausstellungsführer, Dresden 2011.
  • Pieken, Gorch: Inhalt und Raum. Neukonzeption und Neubau des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, in: Sächsische Landesstelle für Museumswesen / Landesstelle für die Nichtstaatlichen Museen in Bayern / Asociace muzeí a galerií České republiky (Hrsg.): Militärgeschichte im Museum. Beiträge der 15. Internationalen Fachtagung bayerischer, böhmischer und sächsischer Museumsfachleute in Leipzig, 15. bis 17. Oktober 2006, Chemnitz 2008.
  • Pieken, Gorch: Neueröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden (Sächsische Heimatblätter, Nr. 57), Dresden 2011.
  • Soboczynski, Adam: Militärhistorisches Museum. Gender in Dresden, in: Die ZEIT, 02. Mai 2018, unter: https://www.zeit.de/2018/19/militaerhistorisches-museum-dresden-ausstellung-gender (letzter Aufruf: 26.10.2019).
  • Thiemeyer, Thomas: Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die beiden Weltkriege im Museum (Krieg in der Geschichte, Bd. 62), Paderborn [u.a.] 2010.

Auf der Webseite des Militärhistorischen Museums finden sich weitere Informationen zu den einzelnen Teilen der Ausstellung und aktuellen Projekten.

Mein Dank gilt meiner Kommilitonin Maria-Protima Hiltl, die ihre fotografischen Aufnahmen der Ausstellung des Militärhistorischen Museums für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat.