Noch Platz für Neues? Die Rekonstruktion der Dresdner Altstadt.

von Katharina Ponschab, am 16.10.2019

Bewegt man sich in Dresden durch die Altstadt, findet man sich in einem Sammelsurium von verschiedensten Baustilen aus scheinbar verschiedenen Epochen wieder. Während der südliche Teil der langgezogenen Altstadt an der Prager Straße durch eine Mischung aus sozialistischen Plattenbauten der 1960er und 1970er Jahre und post-modernen Fassaden aus den 2000er Jahren geprägt ist, zeigt sich der nördliche Teil am Elbufer in einem völlig anderen Bild und demonstriert mit jubilierendem Barock, für den Dresden so bekannt ist, und erhabener Neorenaissance die herrschaftliche Kunsthochburg des 18. und 19. Jahrhunderts. Dass diese Prachtbauten der Blütezeit der Dresdner Kurfürsten und Gottfried Sempers nicht die Originalbauten sind, sondern rekonstruiert, teils zwar aus den ursprünglichen Materialen und Ruinen, die noch erhalten waren, ist im Hinblick auf die Zerstörung Dresdens in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs nicht zu übersehen.

Der Umgang mit den Ruinen der Dresdner Altstadt polarisiert damals wie heute. Obwohl man während des sozialistischen Regimes die Ruinen der Prunkgebäude auf Grund fehlender Ressourcen weitestgehend ihrem Schicksal überließ, wurden angrenzende Quartiere bereits in den 1950er Jahren in Anlehnung an das barocke Erbe der Stadt wiederaufgebaut.  So verwendete man für einige Bauten an repräsentativen Stellen barockisierende Elemente, stilistisch dem Dritten der sogenannten ‚16 Grundsätze des Städtebaus‘ folgend. Der Barock eignete sich hier optimal als Sinnbild des „Kulturerbes des Volkes“, der die Identität und Funktion der Stadt besonders hervorheben würde.  Jedoch erst nach der Wiedervereinigung machte man sich in größerem Umfang in den 1990er Jahren an den Wiederaufbau der Prachtbauten nach Vorbild der originalen Fassaden. Während die einen darin eine Chance sehen, der Stadt ihre scheinbar verlorene Identität zurück zu geben, sehen die anderen darin einen Rückschritt. Wenn man den zahlreichen Debatten, Zeitungsartikeln oder Leserbriefen folgt, kann man sich kaum retten vor emotionalisierten Grundsatzdiskussionen, deren Wogen sich in den Jahrzenten seit 1945 kaum geglättet haben, lediglich die Fronten haben sich seitdem leicht verschoben.

Städtebauliches gestalterisches Konzept. Übersichtsplan. Grafik: Dezernat Stadtentwicklung und Bau/ Stadtplanungsamt Dresden, 01.12.01. Vergrößerung auf http://www.dresden.de (pdf)

Waren es in den 1950er Jahren die großen städteplanerischen Kontroversen des Stadtneubaus mit den grundlegenden Fragen nach dem Wie, dem Wo und vor allem dem Ob-Überhaupt, so ging es während des sozialistischen Regimes bereits wenige Jahre später vorrangig um ideologische Überzeugungen und deren Auffassungen einer idealen städtischen Gesellschaft mit ihren Wohn-, Arbeits- und Lebensfunktionalitäten. Das Produkt dieser Epoche waren die großen sozialistischen Plattenbauten, die gemeinschaftlichen zentralen Plätze, und die breiten Zulaufsstraßen, wie der Altmarkt und die Prager Straße, die noch immer große Teile der Dresdner Innenstadt prägen.

Genau diese eindeutig sozialistischen Gebäude sind es aber, die heute vielen ein Dorn im Auge sind. Architektonisch ist diese Agglomeration an Bauten – die geprägt ist durch verschiedene zeitliche und ideelle Strömungen des sozialistischen Gedankenguts der DDR, die in ihren unterschiedlichen Ausformungen die Stadt- und Wohnraumplanung akzentuierten – ein Zeugnis einer Ideengeschichte, die die Entwicklungen Deutschlands nachhaltig beeinflusst hat. Doch eben dieses Zeugnis soll zunehmend der historischen Rekonstruktion weichen. Man möchte wieder zurück zum „Ursprünglichen“, zum Dresden des Barock, der Kunst- und Kulturhauptstadt, wie sie vor den Zerstörungen des Krieges war – zurück in eine Vergangenheit, die nie so rosig war, wie es sich die Stadtbauämter gerne ausmalen möchten.

Betritt man den Altmarkt mit seinen rekonstruierten neuen Altbauten, wird man, umgeben von den pastellfarbenen Fassaden der Bürgerhäuser im Stil der Neorenaissance, das Gefühl nicht los, in eine sehr aufwendig gestaltete Filmkulisse gestolpert zu sein, anstatt sich zwischen tatsächlich historischen Gebäuden zu bewegen. Es ist wie ein gelungenes Fotomotiv zwar, aber eben nicht mehr: eine Nachbildung der Vergangenheit, Disneyland meets Barock. Dabei stellt sich die Frage, in welche Vergangenheit man eigentlich zurückkehren möchte und vor allem warum? Aleida Assmann nennt es eine „Architektur aus dem Archiv“ und zieht gleichzeitig eine Verbindung zum Historismus des 19. Jahrhunderts, der sich allerdings im Gegensatz zum derzeitigen Wiederaufbau lediglich der Architektur anderer Epochen bediente, anstatt sie möglichst identisch wieder aufleben zu lassen.

Der zeitnahe Wiederaufbau galt in vielen Städten als Wiederkehr der eigenen Identität und gleichzeitig als Widerstand gegen die Vernichtung. Dresden wählte zunächst einen anderen Weg: Die Ruinen der Frauenkirche wurden zwar vor der ‚Enttrümmerung‘ bewahrt, allerdings fehlten zunächst die finanziellen Mittel, um die Kirche wieder zu errichten. Den Mahnmalcharakter, den der Trümmerhaufen über Jahrzehnte hinweg beibehielt, kann mit vielerlei Symbolik gelesen werden, ob als Zeichen der Reue gegenüber den deutschen Aggressionen, als Anklage gegen die Bombenangriffe durch die Alliierten oder als Mahnmal gegen den Krieg in Zeiten eines drohenden Atomkrieges. Diese Symbolik wechselte nach dem Wiederaufbau zu einem Zeichen der Versöhnung. Die Verwendung ursprünglicher Steine und die klaren Trennlinien zwischen den alten, dunklen und den neuen, wesentlich helleren Steinblöcken verweisen allerdings noch immer auf die Zerstörung der Stadt und erhalten das tief ins Stadtgedächtnis eingebrannte Bewusstsein der Gewalt.

Anders sieht es bei den bereits erwähnten Gebäuden rund um die Frauenkirche aus. Die rekonstruierten Fassaden der Bürgerhäuser hinterlassen kaum einen so bleibenden Eindruck und verdrängen vielmehr, was die Frauenkirche wie auch der Zwinger, die Semperoper und viele andere ‚Landmarks‘ mit ihren partiell schwarzen Fassaden so eindrucksvoll verdeutlichen. Das Gesamtensemble verweist unübersehbar auf die sich überlappenden Zeiten der Dresdner Stadtgeschichte. Die Diskussionen um die Rekonstruktion historischer Gebäude wird sich noch einige Zeit fortsetzen und sich nicht nur um den Dresdner Neumarkt drehen. Der Wiederaufbau hat die Möglichkeit gegeben, kreativ und spielerisch Altes und Neues miteinander zu kombinieren und so der Vielfältigkeit der Stadtgeschichte gerecht zu werden. Doch letztendlich entschied man sich an vielen Orten gegen die Gegenwart, für die Vergangenheit. Die Frage, die hier bleibt, ist jedoch: Wo ist noch Platz für die Zukunft?

imagesStädtebauliche Entwicklung während des DDR-Regimes

1945-1950: funktionale Stadt und Stadtlandschaft

  • Demonstrative Abkehr von Vergangenheit: neues Dresden sollte frei, luftig und gartenähnlich sein
  • Verschiedene Vorschläge zum Umgang mit den zerstörten Überresten der Stadt, z.B.: Ruinenstadt als Mahnmal und Stadtneubau an anderer Stelle, oder kompletter Abriss der Innenstadt und historischer Gebäude
  • 1947: „16 Grundsätze des Städtebaus. Teilweise widersprüchlich: Stadtarchitektur soll sozialistisch geprägt sein, aber nationalen Charakter und Inhalt aufweisen

1950-1955: sozialistische Stadt

  • Stalinisierung und sozialistischer Realismus: Versuch der Entwicklung einer „deutschen Architektur“, d.h. kritische Verarbeitung und Weiterentwicklung ausgewählter vorangegangener Baustile (Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus)
  • Drei wesentliche Merkmale der sozialistischen Stadt:                                      (1.) Funktionsbestimmung des Stadtzentrums; (2.) Magistrale und Zentraler Platz; (3.) Gesellschaftliche Dominante des Stadtbildes

1955-1965: funktionale Stadt und Monotonisierung

  • Abwendung von sozialistischem Realismus und „schönem Bauen“: „nationale Architektur“ nur durch kostenneutrale Gestaltung möglich, d.h. maschinelle Massenanfertigungen, Typenbauweise (ermöglicht genaue Berechnung der Bauschritte)
  • Synthese von Architektur und bildender Kunst (ab 1960): monumentale Malerei/ bildende Kunst als Mittel künstlerischer Ausdruckskraft der städtebaulichen Ensembles

   1965-1980: Öffnung zum Westen   

  • Übergang von extensiver zu intensiver Stadtentwicklung, gleichzeitig wird die Entwicklung der Innenstadt nur am Maßstab ökonomischer Realisierbarkeit gemessen, d.h. Abriss der Altstadtgebiete und Neubau am Stadtrand meist billiger, und Modernisierung der Gründerzeitbebauung günstiger als Abriss und Neubebauung
  • Folgen: starke Mängel in der Wohnungssituation
  • gleichzeitig findet erneute extensive Stadtentwicklung wegen der Notwendigkeit raschen Wohnungsneubaus statt
  • Folgen: Altstadt wird zwar vor Abriss bewahrt, wird aber dem Verfall überlassen

Verwendete Literatur und weiterführende Quellen:

Assmann, Aleida: Rekonstruktion – die zweite Chance, oder: Architektur aus dem Archiv, in: Nerdinger, Winfried / Eisen, Markus / Strobl, Hilde: Geschichte der Rekonstruktion. Konstruktion der Geschichte, München 2010, S. 16-34.

Dickel, Hans: Orte der Erinnerung – Formen des Gedenkens: Mahnmale zur NS-Zeit im deutsch-deutschen Vergleich, in: Bubmann, Peter / Dickel, Hans: Ästhetische Bildung in der Erinnerungskultur, Bielefeld 2014, S. 97-118.

Kil, Wolfgang: Ein Waterloo für jede Denkmalidee. Projekt und Theorie I: Dresdner Lektionen, in: der Architekt, Bund deutscher Architekten BDA, 19.04.2013, unter: http://derarchitektbda.de/ein-waterloo-fur-jede-denkmalidee/ (letzter Aufruf: 10.10.2019)

Holfelder, Moritz: Was der Rückbau vo Städten über die Gegenwart verrät, in: BR, Kultur-Nachrichten, 02.02.2019, unter: https://www.br.de/nachrichten/kultur/was-der-rueckbau-von-staedten-ueber-die-gegenwart-verraet,RGq9DoA (letzter Aufruf: 04.11.2019)

Brinkmann, Sören: Altes neues Dresden. Die Nähe von Original und Fälschung beim Wiederaufbau, in: deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 29.04.2012, unter: https://www.deutschlandfunk.de/altes-neues-dresden.1242.de.html?dram:article_id=189947 (letzter Aufruf: 04.11.2019)

Dippel, Tinka: Dresdner Barock ‘n’ Roll. Nach vorn? Zurück? Die Stadtplanung polarisiert – Sie ist ein Tanz zwischen gestern und morgen, in: Zeit-Online, 33/2011, 11.08.2011, unter: https://www.zeit.de/2011/33/S-Dresdner-Barock (letzter Aufruf: 04.11.2019)