Die Dritte Zerstörung Dresdens: Eine Verdrängung des sozialistischen Erbes aus dem Dresdner Stadtbild?

von Rebecca Koller, am 15.10.2019

Betrachtet man die Stadt Dresden, so hat diese keine leichte Vergangenheit. Im letzten Jahrhundert musste sie gleich mehrere Schicksalsschläge hinnehmen. Durch die Bombardierung während des Zweiten Weltkrieges im Februar 1945 erlitt Dresden durch die Zerstörung bedeutender, das Stadtbild prägender Bauten, darunter etwa der Frauenkirche, große Verluste. Wird in diesem Zusammenhang häufig von der Ersten Zerstörung Dresdens gesprochen, so schloss sich die Zweite Zerstörung durch den städtebaulichen Kahlschlag während der DDR-Zeit an. Anfangs hoffte man noch auf eine positive Entwicklung nach der Wende 1989. Diese Hoffnung wurde zumindest aus städtebaulicher Sicht weitgehend zerschlagen. Schnell begann in einigen Bereichen eine Überformung entwickelter und durchgeführter Konzepte des sozialistischen Städtebaus in der Dresdner Innenstadt. Vergangene und gegenwärtige Entwicklungen werden das mittlerweile zum Stadtbild gehörige sozialistische Erbe wohl teilweise aus demselben verdrängen, wodurch der Verlust eines wichtigen Teils der Dresdner Stadtgeschichte und -identität droht. Besonders die Prager Straße im Zentrum Dresdens scheint dabei in großer Gefahr zu sein. Anders verhält es sich mit dem Kulturpalast, der bis heute für die Dresdner Öffentlichkeit in seiner ursprünglichen Funktion eine große Bedeutung einnimmt.

Die Prager Straße

In den Jahren zwischen 1851 und 1853 als Verbindungsstraße zwischen Hauptbahnhof und Altmarkt erbaut, entwickelte sich die Prager Straße zu einem Zentrum des Geschäfts- und Amüsierlebens in Dresden. Zahlreiche Hotels, Cafés und Vergnügungsetablissements ließen sich in der beliebten Flaniermeile finden. Bei den Luftangriffen während des Zweiten Weltkrieges wurde die Prager Straße zerstört. Mithilfe eines Architekturwettbewerbs suchte man 1962 nach einem Konzept für den Neubau der Prager Straße. Dieses wurde hauptsächlich zwischen 1965 und 1972 realisiert. Seit dieser Neugestaltung hat die Prager Straße jedoch große Veränderungen erlebt. Die anfangs 60 Meter breite und 700 Meter lange Straße war ursprünglich als eine Art innerstädtischer Erholungsraum gedacht. Die Grünflächen und Ruhezonen in der Mitte der Straße wurden von Flachbauten und Hochhäusern gesäumt. Neben einem großen Kaufhaus ließen sich ansonsten lediglich kleinere Läden in der Prager Straße finden. Das Wohlbefinden der Stadtbevölkerung stand im Vordergrund der Bau- und Konstruktionsweise dieser Straße. Von diesem aus den 1960er Jahren stammenden Konzept ist heute nicht mehr viel zu erkennen. Zwar spiegeln einige Bauten – etwa die Prager Zeile, ein 240 Meter langes Wohngebäude, oder das Rundkino – noch den ehemaligen Charakter der Prager Straße wider, doch lässt sich seit den 1990er Jahren eine regelrechte Kommerzialisierung der Straße ausmachen. Ein Laden reiht sich an den nächsten und von den Grünflächen ist nichts mehr übrig. Standen anfangs noch die Stadtbewohner*innen im Fokus, so scheint gegenwärtig vor allem die Wirtschaftlichkeit der Straße eine entscheidende Rolle einzunehmen.

Einige betrachten das Baugeschehen in Dresden seit der Wende kritisch und sprechen sogar von der Dritten Zerstörung Dresdens. Die Prager Straße wird in diesem Kontext häufig als Paradebeispiel gesehen. Dieser Eindruck entstand auch bei einer über die Agentur Ostmodern organisierten Stadtführung durch Dresden, die vor allem den Wiederaufbau der Stadt fokussierte. Manche Aussagen der Stadtführerin Nicole Brey ließen dabei das Gefühl entstehen, als ob sie wehmütig auf die DDR-Anfangszeiten und somit die ursprüngliche Intention der Prager Straße als innerstädtischen Erholungsraum zurückblicke. Verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sie erst in den 1990er Jahren aus Westdeutschland nach Dresden kam und somit die „alte“ Prager Straße gar nicht kannte. Ein nostalgisches Erinnern also, das lediglich aus geschichtlichen Überlieferungen über die Straße und nicht aus eigenen bewussten Erfahrungen und Erinnerungen rekonstruiert wird. Darüber hinaus konnte man bei der Führung in gewissem Maße den Eindruck einer Verherrlichung der ursprünglichen sozialistischen Konstruktionsweise der Straße gewinnen. So wurde beispielsweise der Wiederaufbau des Lenindenkmals, welches sich von 1974 bis 1992 in der Prager Straße befand, befürwortet. Dass dieses über fast zwei Jahrzehnte ein prägendes Merkmal der Straße war, bleibt unbestritten. Ein Wiederaufstellen desselben scheint jedoch wenig zeitgemäß und dem heutigen Charakter der Prager Straße nicht angemessen. Die Bedeutung des Denkmals wäre nur bei Kenntnis der Stadtgeschichte erschließbar. Da die Prager Straße heute jedoch ihre Wirkung hauptsächlich in ihrer Funktion als Einkaufsstraße entfaltet, bliebe den meisten Besucher*innen, darunter auch vielen Tourist*innen, die eigentliche Bedeutung des Denkmals verschlossen. Ein weiteres ursprünglich das Aussehen der Prager Straße bestimmendes Element stellte neben dem bereits erwähnten Lenindenkmal das Wandbild „Dresden, die Stadt der modernen sozialistischen Industrie, der Wissenschaft und der Kunst grüßt seine Gäste“ von Kurt Sillack und Rudolf Lipowski aus dem Jahre 1969 dar. War dieses zunächst zentral am Restaurant „Bastei“ angebracht, so befindet es sich heute, auch dem Hinzukommen neuer Bauten geschuldet, an der Rückfassade eines Kaufhauses: obwohl relativ unauffällig, dennoch ein passender Platz, wenn man das heutige Konzept der Prager Straße als Einkaufsmeile bedenkt. An die sozialistische Vergangenheit der Stadt möchten die alteingesessenen Dresdner*innen während ihres Einkaufsbummels wohl weniger erinnert werden. Für unwissende Stadtbesucher*innen erspart die Platzwahl des Gemäldes die Notwendigkeit einer geschichtlichen Einordnung und Erklärung.

Bei einem Großteil der Dresdner Öffentlichkeit würde das ursprüngliche, aus den 1960er Jahren stammende Konzept der Prager Straße heute wohl kaum auf große Begeisterung stoßen. Durch den fortschreitenden Umbau wird die Prager Straße ihre Funktion als Symbol des Wiederaufbaus wohl langsam verlieren. Die Frage, ob dieser Wandel für die Stadt nötig und der Zeit angemessen ist oder ob er für die Stadt den Verlust eines bedeutenden sozialistischen Bau- und Architektur-Erbes darstellt, kann nie gänzlich und für alle zufriedenstellend beantwortet werden. Konzepte, um die Geschichte der Straße zu vermitteln, lassen sich jedenfalls nicht erkennen. Durch die Veränderungen hinsichtlich der Straßenform und -funktion sowie des ständigen Wandels durch neue Geschäfte, wird es in Zukunft weiterhin zu einem mehr oder weniger bewussten Verdrängen und Vergessen des sozialistischen Erbes, das sich einst in der Prager Straße manifestierte, kommen.

Der Kulturpalast

Dass sich die Meinungen in Bezug auf sozialistische Bauten in der Dresdner Stadtbevölkerung immer wieder spalten, zeigt sich auch an der Geschichte des Kulturpalastes. Als das Kernprojekt des sozialistischen Wiederaufbaus in der kriegszerstörten Innenstadt Dresdens geltend, fand die Einweihung des Kulturpalastes im Oktober 1969 statt. Er sollte einen Ort des sozialen und kulturellen Austausches und Miteinanders darstellen. Heute wird er von einem Großteil der Dresdner Öffentlichkeit liebevoll „Kulti“ genannt und scheint für viele einen höheren Stellenwert als etwa die Semper Oper zu besitzen.

Diese Bedeutung wurde dem Kulturpalast nicht immer und nicht von jedem zugemessen. Nach der Wende forderten einige Traditionalist*innen sogar seinen Abriss, um dort in Anlehnung an den Dresdner Altmarkt eine „authentische“ Rekonstruktion des ehemaligen barocken Stadtbildes entstehen zu lassen. Dieser Forderung wurde nicht nachgegeben. Auf diese Weise konnte der Kulturpalast als ein Zeugnis des sozialistischen Städtebaus gerettet werden. Seit 2008 steht die kommunale Mehrzweckhalle sogar unter Denkmalschutz. Das sich an der Westseite des Kulturpalastes befindliche großformatige Wandbild „Der Weg der Roten Fahne“ ist bereits seit 2001 als Denkmal geschützt. Es wurde 1968/69 von Gerhard Bondzin unter Mitwirkung der Dresdner Kunsthochschule geschaffen und stellt bis heute ein nennenswertes Geschichtsdokument dar. Ein spannender Überrest aus sozialistischen Zeiten, der das damalige Geschichtsbild bis heute sichtbar werden lässt. Dargestellt im Stile des sozialistischen Realismus, zeigt das Gemälde den Weg zum Sozialismus, angefangen mit der 1848er Revolution bis hin zur Gründung der DDR. Als fester Bestandteil der Außenfassade des Kulturpalastes präsentiert sich das Wandbild, das es im Gesamtkontext des Gebäudes zu interpretieren gilt, auch heute noch trotz kontroverser Debatten stolz seinen Betrachter*innen und ist somit ein wichtiger Bestandteil des Stadtbildes – ganz anders das Gemälde in der Prager Straße, das aus dem Blick der Öffentlichkeit gedrängt wurde und sein Dasein im Dunkel einiger Häuserfronten fristet. An diesem Aspekt lässt sich abermals erkennen, dass in Dresden hinsichtlich des Umgangs mit dem sozialistischen Erbe kein einheitliches Konzept auszumachen ist.

In den Jahren 2013 bis 2017 musste aus sicherheitstechnischen Gründen ein Umbau des Kulturpalastes erfolgen. Da der Kulturpalast als ein bewahrenswertes Zeugnis der Dresdner Kultur-, Bau- und Sozialgeschichte gesehen wird, wurde der Umbau stark kritisiert. Aufgrund der Umwandlung des Multifunktionssaales in einen Konzertsaal war ein erheblicher Eingriff in die Bausubstanz notwendig. Die Außenfassade blieb jedoch weitgehend unverändert. Heute dient der Kulturpalast als feste Spielstätte für die Dresdner Philharmonie und beherbergt außerdem die Stadtbibliothek sowie eine Gaststätte. Darüber hinaus findet dort eine Fülle an kulturellen Veranstaltungen jeglicher Art statt, weshalb seine ursprüngliche Funktion erhalten blieb. Der sächsische Ministerpräsident Kretschmer bezeichnete den Kulturpalast sogar als „kulturelle Herzkammer“ und „Kulturbotschafter“ der Stadt Dresden. Die Dresdner Bevölkerung schätzt und liebt ihren „Kulti“ nach wie vor sehr. Seine Erscheinung wäre aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Aufgrund seiner immensen Bedeutung manifestiert sich in ihm ein geschätztes und weiterhin sichtbares Erbe des sozialistischen Städtebaus. Ein Kontrastprogramm zur Prager Straße!


Der Kulturpalast
• der Dresdner Kulturpalast wurde in den Jahren 1967 bis 1969 nach den architektonischen Plänen von Leopold Wiel und Wolfgang Hänsch erbaut
• Pläne für die Errichtung des Kulturpalastes entstanden bereits in den 1950er Jahren
• zunächst als sogenanntes „Haus der sozialistischen Kultur“ geplant, sollte das Gebäude ursprünglich alle anderen Bauten an Höhe überragen, um so die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren
• auf den Höhenaspekt wurde jedoch aufgrund einer sich besser ins Stadtbild einfügenden Architektur verzichtet
• mit seiner Stahlbetonskelettbauweise ist der Kulturpalast heute ein wichtiges bauliches Zeugnis der Nachkriegsmoderne und steht seit 2008 unter Denkmalschutz

Das sozialistische Erbe: Behalten oder Überformen?

An diesen beiden Beispielen zeigt sich, dass die Überreste des sozialistischen Städtebaus ein in Dresden sehr kontrovers diskutiertes Thema sind. Im Umgang damit gilt es nicht über richtig oder falsch zu urteilen, zumal die Frage, ob einem Vergessen oder Überformen des sozialistischen Erbes entgegengewirkt werden sollte oder ein Wandel für die Stadtbevölkerung von Nöten ist, nicht pauschal beantwortet werden kann. Ein für alle zufriedenstellender Ansatz, wie mit den Überresten des sozialistischen Städtebaus zu verfahren ist, ist wohl kaum zu erarbeiten, da es um komplexe und jahrelange Diskurs- und Aushandlungsprozesse zwischen Politik, Bevölkerung und Stadt geht. Darüber hinaus sind die Meinungen über den Umgang mit dem sozialistischen Erbe derart verschieden, dass ein alle zufriedenstellender Konsens wohl kaum möglich sein wird. Was sich in Dresden jedoch eindeutig beobachten lässt, ist die Tatsache, „dass Orte hier tiefe Wurzeln in der Erinnerung haben, dass die Identifikation mit Straßen, Plätzen, Gebäuden – zumal mit öffentlichen – viel größer als andernorts ist“ (Gerkan / Schütz: Kulturpalast (2018), S. 16).

Verwendete und weiterführende Literatur und Quellen:

Brey, Michael / Brey, Nicole: Themenführungen, unter: https://dresden-stadtfuehrer.de/stadtfuehrung-dresden-themen.html (letzter Aufruf: 15.10.2019).

FAZ: „Lenin on Tour“. Ein Revolutionär rollt durch die Welt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. September 2004, unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/lenin-on-tour-ein-revolutionaer-rollt-durch-die-welt-1176087.html (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Gerkan, Meinhard von / Schütz, Stephan: Kulturpalast Dresden, Berlin 2018.

Kantschew, Thomas: Kulturpalast. Kulturelle Herzkammer Dresdens, unter: https://www.das-neue-dresden.de/kulturpalast-dresden.html (letzter Aufruf: 10.10.2019).

Landeshauptstadt Dresden: Wandbild „Der Weg der Roten Fahne“, unter: https://www.dresden.de/de/kultur/kulturentwicklung/kulturpalast/weg-der-roten-fahne.php (letzter Aufruf: 10.10.2019).

MDR: Der Osten – Entdecke, wo du lebst. Unsere Boulevards – Die Prager Straße in Dresden, in: Mitteldeutscher Rundfunk, 13. Februar 2018, unter: https://www.mdr.de/entdecke/der-osten-unsere-boulevards-die-prager-strasse-in-dresden-100.html (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Ritschel, Hartmut: Vom Haus der sozialistischen Kultur zum Kulturpalast Dresden – Metamorphosen eines Bauwerks, in: 1960 plus – ein ausgeschlagenes Erbe? Dokumentation der Tagung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz am 17. / 18. April 2007 in Berlin, Band 73, Bonn 2007, S. 26-30.

Scheffler, Tanja: Dresden, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 29. November 2011, unter: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/147752/dresden-das-scheitern-der-sozialistischen-stadt (letzter Aufruf: 10.10.2019).

Scheffler, Tanja: Dresden, Prager Straße, in: moderneREGIONAL, Heft 15/2, unter: https://www.moderne-regional.de/fachbeitrag-dresdens-prager-strasse/ (letzter Aufruf: 15.10.2019).

Seiss, Reinhard: Die Dritte Zerstörung Dresdens, in: Bauen + Wohnen, Band 91 (2004), S. 60-62.