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Gewalt und Verbrechen in transnationaler Erinnerungskultur zwischen Deutschland und Tschechien

von Cherin Nabo, am 20.10.2019

Brauchen wir heutzutage eine öffentliche Geschichtskultur, den reflektierten Umgang mit Hinterlassenschaften von Geschichte im öffentlichen Raum? Trotz der Omnipräsenz der Geschichte: Stadtführungen, Bustouren, Museumsführungen, kulturelle Sehenswürdigkeiten, auch das Web sind gefüllt mit Erklärungen zur Historie. Geschichte und Kultur sind oftmals zur Ware geworden, sogar zu Massenprodukten, mit denen man profitabel arbeiten kann. Noch nie war der Zugang zur Geschichtskultur so einfach und komfortabel wie heute. Und auf der anderen Seite erscheint das Erinnern an Geschichte selten so umstritten und umkämpfter Teil der Tagespolitik zu sein.

Eine neue Herausforderung für uns als zukünftige Historiker. Was bleibt für uns übrig? Was ist unsere Aufgabe? Wie sollen wir die Erinnerungskultur in der Gesellschaft verständnisvoll, lebendig und greifbar präsentieren? Müssen wir das Verständnis der Vergangenheit umformen, neu gestalten? Menschen zum Nachdenken bewegen! Oder müssen wir ermahnen, um historische Lehren aus der Vergangenheit ziehen zu können?

Geschichte kann auch schmerzliche Erinnerungen hervorrufen, insbesondere wenn es um Verbrechen von Menschen geht. Niederlagen und Siege hinterlassen manchmal undeutliche Spuren; Spuren und Reste, die nicht leicht zu charakterisieren und einfach zu beschreiben sind.

Vor dem KZ Flossenbürg beginnt die erste Etappe unserer Exkursion. Eine erste Spur der Gewalt, die leicht zu identifizieren ist und zugleich mit (bewussten) Irritationen einhergeht: Wir stehen auf dem leeren Platz vor dem KZ.

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Abbildung 2 KZ-Gedenckstätte Flossenbürg. (Foto: Cherin Nabo, 01.07.19)

Die Leere hinterlässt einen befremdlichen Eindruck. Authentisch, sehr beeindruckend, aber schwer charakterisierbar, auch wenn diesem Ort aufgrund historischer Ereignisse eindeutige Merkmale zugewiesen werden können (Tod, Stille). Dennoch beschreibt das Ganze nicht annähernd das Ausmaß der Verbrechen, welche dort begangen wurden. Natürlich bleiben die Analyse, die Zuweisung von Schuld und Verantwortung, die Zuordnung der Gewalt-Merkmale sehr individuell, aber die Form der Spur, in diesem Fall „die Leere“ auf dem freien Platz vor dem KZ Gelände, kann durchaus überwältigen. Es bleibt viel Raum für Interpretationen und Fantasien, es regt das Interesse für die Geschichte an, evoziert die Geschichten, die dahinter verborgen sind. Die Erinnerungskultur erscheint lebendig, konfrontativ und provokant. Daneben spiegeln Relikte auf dem KZ-Gelände wie das Krematorium, das Tal des Todes und der Steinbruch gewissermaßen haptisch und authentisch das Ausmaß des Verbrechens wider und versuchen dem Betrachter den Umfang des Schreckens des täglichen Todes, der dort stattfand, vorstellbar zu machen. Die begleitende Ausstellung gibt einen guten Überblick über Täter wie Opfer des KZ Flossenbürg, wobei die Darstellung der Opfer in den Ausstellungen und auf dem Gelände überwiegt.

Aber auch an diesem Ort, genauer am Nordrand des KZ-Geländes, erkennt man sofort auch die Wandelbarkeit historischer Entwicklungen und die unterschiedlichen Zeitschichten im Umgang mit der Vergangenheit. Denn

stehen hier über 25 Eigenheime. So ist das im kleinen oberpfälzer Dorf Flossenbürg, gleich an der tschechischen Grenze, wo die Sudetenstraße den historischen Verlauf des Elektrozauns des zweiten bayerischen Konzentrationslagers neben Dachau markiert.“ [1]

Die Stadt Dresden ist die zweite Station unserer Exkursion zu „schwierigen Orten“. In Dresden, wo sich während des Zweiten Weltkriegs ein verheerender Luftangriff ereignet hatte, stellt man eher den Überschwang der Gegenwart fest. Nach einem Rundgang in der Stadt, durch Museen, Schlösser und Gassen erlebt man an vielen Ecken eine neue Stadt in einer glänzenden Pracht: Breite Passagen, große Kaufhäuser, neu aufgebaute Schlösser und ein historisierendes Stadtpanorama; ein sprunghaftes Wechselspiel zwischen Neuzeit und Barock.

Was mich faszinierte, war die Unauffälligkeit der Erinnerungskultur! Nur ein Erinnerungsmerkmal machte mich stutzig. Ein paar Zeilen in Edelstahl geschriebene Wörter, über die Anzahl der Menschen, die aus Angst vor Seuchen am Altenmarkt nach der Bombardierung 1945 eingeäschert worden waren. Unauffällig, verborgen und versteckt, am Boden des Altenmarkts, vor dem Nebeneingang zur Tiefgarage! Dezente Schrift am Boden eines authentischen Ortes. Eine eher scheue und stille Gedenkkultur, die an die Gewalt des Kriegs erinnert.

Abbildung 3 Verborgen und fast versteckt ist das Denkmal, das an die Todesopfer der Bombennacht 1945 erinnert, die auf dem Altmarkt verbrannt wurden. (Foto:Cherin Nabo, 03.07.19)

Heute erscheint Dresden in weiten Teilen als eine junge Stadt, die glanzvoll gekleidet ist und die meisten ihrer Wunden (Opfer und Täter) unter dieser Tracht versteckt! Weder Opfer noch Täter kommen im öffentlichen Erinnerungsdiskurs wirklich augenfällig zur Geltung. Dennoch ist das zivile kulturelle Engagement in der Stadt zum Beispiel durch das Festspielhaus Hellerau oder das Goehlewerk sehr lebhaft und begrüßenswert, zumal in einer Zeit, in der Pegida und AfD ihre Triumphe im Osten und besonders auch in Sachsen und Dresden feiern.

Das dritte Quartier der Exkursion ist in Ústí nad Labem/Aussig an der Elbe in der Tschechischen Republik. Ein stellenweise verschlafen wirkender Ort in Böhmen, eine ehemalige sudetendeutsche Stadt, die ihre historische Identität neu und relativ eindimensional gestaltet. An der Elbebrücke wurden am 31. Juli 1945 Sudetendeutsche mit Fäusten, Knüppeln und Spaten attackiert und erschlagen, ein Akt der zeitgenössischen Vertreibungsgewalt.

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Abbildung 4 Elbbrücke in Aussig, Ort des Massakers von 31. Juli.1945. (Foto:Cherin Nabo, 03.07.19)

Auslöser der gewaltsamen Ausschreitung: Explosion in Munitionsdepot, ehemaligen Zuckerfabrik im Ortsteil Schönpriesen. Beschuldigung der (deutschen) „Werwölfe“. Angehörige der tschechischen Revolutionsgarden, Soldaten sowie rund dreihundert „Zivilisten“, die erst an diesem Tag mit einem Zug aus Prag angekommen waren, gingen sofort mit brutaler Gewalt gegen alle Deutschen vor, die sie antrafen, Kinder und Frauen inbegriffen. Schätzungen von 400 – 2000 Tote je nach Quelle .

Über Opferzahlen wird bis heute gestritten. Eine kleine eiserne und verrostete Gedenktafel an der Brücke erinnert an das Verbrechen. Die Eruption der Gewalt im Jahr 1945 kam nicht ohne Hintergrund und Vorgeschichte. Spätestens mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschärfte sich die Situation für die Tschechen und gipfelte in der Gründung des Protektorats Böhmen und Mähren, in dem die tschechische Bevölkerung unter der deutschen Besatzung extrem zu leiden hatte. Nach einem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, wurden im Jahr 1942 fast alle männlichen Bewohner des Ortes Lidice getötet und der Ort vollständig zerstört. Auch Juden wurden in Aussig Opfer des Nationalsozialismus, mehr als 1000 jüdische Aussiger Bürger sind in den KZs ermordet worden. [2]

Einen Spaziergang durch die Stadt und das Museum in Aussig genügen, um die Schwierigkeiten des komplexen Erinnerns festzustellen. Es zeigt sich eine recht nüchterne Erinnerungskultur: Im Museum der Stadt wird eine zweisprachige Ausstellung (tschechisch/deutsch) über die Seifenfabrik Schicht geboten, die seit 1882 ihren Hauptsitz im damaligen Aussig hatte. Saubere und schöne bunte Bilder erzählen die Geschichte der Firma und der Familie Schicht, unter anderem ein Gemäldezyklus, den die Gebrüder Schicht zum zehnten Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakei in Auftrag gaben. Sie präsentieren die tschechische Geschichte. Berühmte und weltbekannte Persönlichkeiten als Boten der Erinnerungskultur!

Sudetendeutsche Spuren in der Stadt sind schwer zu identifizieren, als ob Vergangenheit eine Gefahr für die gegenwärtige Identität sei. Das geförderte Projekt durch die Europäische Union „Böhmen ist mein Heimatland“ stellt unter anderem breite Aufnahmen: Neue und alte Hausbesitzer (Sudetendeutsche) der Stadt gegenüber gestellt werden.

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Abbildung 5 Sonderausstellung „Böhmen ist mein Heimatland“. (Foto: Cherin Nabo, 03.07.19.)

Das wird kombiniert mit Plakaten zum sudetendeutschen Leben in Aussig, die fein und säuberlich beschriftet der Öffentlichkeit präsentiert werden. Worte wie Opfer, Täter und Gewalt werden vermieden. Trotz eng verbundener Nachbarschaft zwischen Tschechien und Deutschland stellt man in Deutschland eine offenere und kontroverse Auseinandersetzung mit der Geschichte fest. Dennoch oder gerade deshalb erscheint die Arbeit des Collegium Bohemicum sehr bemerkenswert. Unter dem Motto „Unsere Deutschen: ein unbekanntes Kapitel der Geschichte der böhmischen Länder“ wird hier recht offen die gemeinsame Geschichte und Kultur thematisiert.

Das Collegium Bohemicum ist eine 2006 gegründete gemeinnützige Kultur-, Bildungs- und Forschungseinrichtung mit Sitz in Ústí nad Labem. Die Organisation widmet sich vor allem den deutsch-tschechischen Beziehungen und dem Kulturerbe der deutschsprachigen Bevölkerung in den böhmischen Ländern.

Erinnerungskultur in der Gegenwart stellt uns vielfach vor Herausforderungen, auch wegen neuer Medien wie Facebook, Twitter und Instagram, die eine Flut von Informationen bieten, aber auch die Menschen nicht selten mit falschen historischen Tatsachen und Wertungen beeinflussen. Oftmals sind hier traditionelle Print-Medien nicht in der Lage, gegen den Sturm von falschen Behauptungen vorzugehen.

Wir haben einen bildungspolitischen Auftrag gegen das Vergessen in der Gesellschaft. Wir sind in der Verantwortung und dürfen die Augen vor einer Instrumentalisierung der Geschichte durch Politik nicht verschließen. Geschichtsbewusstsein hat eine hohe Priorität als Schutz gegen totalitäres Denken. Wir müssen nicht alles detailliert erklären, aber eine sachorientierte Aufarbeitung, wie Gewalt entsteht und Verbrechen passieren, über die Mechanismen, die dahinter steckten, die Voraussetzungen, die zu diesen Taten führten, müssen thematisiert, abgebildet werden und dabei Täter wie Opfer berücksichtigt werden. Denn

„Erinnerungskultur ist nicht nur das Ablegen von Kränzen, sondern auch in ganz besonderer Weise gesellschaftliche Bildungsarbeit mit klarem Bezug zur Gegenwart“.[3]

Wenn ich von dieser Exkursion etwas gelernt habe, dann, dass Geschichte kein antiquiertes Stück ist, welches voller Staub irgendwo versteckt auf einem Regal liegt und auf seine Entdeckung wartet, sondern dass Geschichte eine lebendige Rekonstruktion und mitunter Konstruktion der Vergangenheit ist. Sie ist immer im Kontext von Zeit, Ort und den seinerzeit herrschenden menschlichen Vorstellungen zu sehen.

Abbildungsverzeichnis:

[1] Steinburg, Eva von, Erschienen: Flossenbürg – Das KZ, das vergessen werden sollte. Abendzeitung vom 16.05.20: http://www.hagalil.com/2016/05/flossenbuerg/ (Letzter Aufruf: 20.09.2019).

[2] Vgl. Schmidt, Hans-Jörg: Das Attentat auf Heydrich und die furchtbare Rache. Welt am 27.05.2012: https://www.welt.de/politik/ausland/article106382453/Das-Attentat-auf-Heydrich-und-die-furchtbare-Rache.html (Letzter Aufruf: 03.10.2019).

3] Oberbürgermeister Dirk Hilbert. In: Dresden „Erinnerungskultur ist nicht nur das Ablegen von Kränzen“ ZEIT ONLINE 13. 02. 2018, 20:22: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-02/dresden-gedenken-luftangriffe-zweiter-weltkrieg-1. (Letzter Aufruf: 04.10.2019).

Siehe noch: Stanislav, F. Berton: Das Attentat auf Reinhard Heydrich vom 27. Mai 1942 ein Bericht des Kriminalrats Heinz Pannwitz. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Dokumentation: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1985_4_5_berton.pdf (Letzter Aufruf: 04.10.2019).

Habel, Fritz Peter (Hg.): Die Sudetendeutschen. München 1992.

Pfitzner, Josef: Sudetendeutsche Geschichte. Reichenberg 1937.